Arbeitsgemeinschaft Haus der Offenen Tür NRW
Jugendarbeit ausbauen statt an Ganztagsschule verlegen! von Benedikt Sturzenhecker



Jugendarbeit ausbauen statt an Ganztagsschule verlegen!
Argumente gegen Christian Pfeiffers erneuten Vorstoß zur Auflösung Offener Kinder- und Jugendarbeit


Von Benedikt Sturzenhecker


Am 22. November 2006 beschäftigte sich die WDR-Fernsehsendung „Hart, aber fair“ mit dem Thema „Vom Ballerspiel zum Amoklauf – was treibt Jugendliche in die Gewalt?“. Darin sich äußerte Prof. Dr. Christian Pfeiffer erneut negativ zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Seine Position, die Jugendarbeit aufzulösen und an die Ganztagsschule zu verlegen, soll hier analysiert und es soll ihr gleichzeitig widersprochen werden.

Zunächst das Zitat (im Weiteren sind alle Auszüge daraus kursiv gesetzt):
„Unser System ist nicht darauf eingestellt, den Gescheiterten wirklich effektiv zu helfen. Wir sind jetzt so leistungsfixiert durch PISA - da müssen wir ganz stark werden, da kämpfen alle drum – und wir erzeugen zu viel Verlierer in unserem Schulsystem. Das kann anders laufen, und dazu braucht man ganz sicher … kleinere Klassen, mehr Menschen, die darauf beruflich vorbereitet sind: Psychologen, Sozialarbeiter. Wenn ich eine Vision entwickeln darf: Wir haben soviel Sozialarbeiter, die in Freizeitheimen und in Jugendzentren arbeiten. Beide Einrichtungen bräuchten wir gar nicht, wenn wir funktionierende tolle Ganztagsschulen hätten. Und bitte: Alle Sozialarbeiter in diese Ganztagsschulen rein! Dann hätten wir sie für alle erreichbar und nicht nur für bestimmte Subgruppen, die sich ein bestimmtes Freizeitheim gepachtet haben und keine anderen mehr reinlassen.“


In einzelnen Schritten wird hier nun dieses Aussage hinterfragt

Der Anfang des Zitates lautet: „Unser System ist nicht darauf eingestellt, den Gescheiterten wirklich effektiv zu helfen. Wir sind jetzt so leistungsfixiert durch PISA – da müssen wir ganz stark werden, da kämpfen alle drum - und wir erzeugen zu viel Verlierer in unserem Schulsystem“.

Zwar ist Pfeiffer in seiner Aussage, das Schulsystem erzeuge zu viele Verlierer, zuzustimmen, aber seine Analyse des Scheiterns an Schule ist unpräzise: nicht so sehr die Folgen von PISA erzeugen das Scheitern, sondern PISA belegte öffentlichkeitswirksam das schon vorhandene Scheitern und seine Ausmaße. Dieses Scheitern war allerdings in vielen Aspekten schon lange wissenschaftlich belegt, so besonders die Bildungsbenachteiligung von Kindern aus armen Familien (und mit Migrationshintergrund). Pfeiffer scheint beim Sprechen zu merken, dass nur „Hilfe“ für die schon Gescheiterten nicht ausreichen kann, wenn das System selber dieses Scheitern produziert. So kommt er zu einem Entwurf der Veränderungen des Systems: „Das kann anders laufen, und dazu braucht man ganz sicher … kleinere Klassen, mehr Menschen, die darauf beruflich vorbereitet sind: Psychologen, Sozialarbeiter“.

Pfeiffers Vorschlag ist denkbar schlicht: Kleine Klassen und mehr helfende Professionelle sind ein bekanntes Klischee der Schulreform, das durch Wiederholung nicht qualifizierter wird. Interessant ist, was er nicht sagt: Er spricht nicht von einer grundlegenden Veränderung von Schule, die auch ihre Kerne, wie die gewollte, frühzeitige Selektion der Schüler in so genannte Leistungsstarke und Leistungsschwache und die Form des Unterrichts angehen müsste. Seiner vollkommen verkürzten Diagnose ist von Seiten der Schulforschung schon vielfach mit differenzierten Argumenten widersprochen worden. Diese verweisen darauf, dass sich Schule in ihrem Kern (wie Selektion und Unterricht) verändern müsse. Denn wenn im Unterricht Scheitern produziert wird, können noch so professionelle Helfer dies am Nachmittag kaum wieder ausbügeln.

Nach Pfeiffers Vorstellung sind es jedoch die scheiternden Opfer des Schulsystems, die von Psychologen und Sozialarbeitern bearbeitet werden sollen. Symptomträger sollen behandelt werden, statt Ursachen zu ändern. Nicht Scheitern wird verhindert, sondern Gescheiterten wird von Fachkräften, die darauf „beruflich vorbereitet“ sind, „effektiv“ geholfen. Die unveränderte Schule in den Ganztag zu verlängern und die Scheiternden am Ort ihres Desasters gleich abzufangen, das ist Pfeiffers Konzept (und leider nicht nur seins).

Im nächsten Satz folgt Pfeiffers „Vision“, die in ihren einzelnen Elementen analysiert werden muss: Zunächst behauptet er, wir hätten „so viele (Hervorhebung B.St.) Sozialarbeiter, die in Freizeitheimen und Jugendzentren arbeiten“.

Wie viele sind „so viele“? Die Kinder- und Jugendhilfestatistik (vgl. Pothmann/Thole 2006) zeigt, dass 2002 in der Kinder- und Jugendarbeit insgesamt 45.514 Personen auf 31.714 Stellen arbeiteten. Das sind alle Hauptamtlichen in differenzierten Feldern, so auch in Jugendverbänden, Jugendbildungsstätten etc. und nicht nur in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, auf die sich Pfeiffer zu beziehen scheint. In der gesamten Kinder- und Jugendhilfe arbeiteten 2002 übrigens 573.802 Beschäftigte (vgl. Arbeitstelle Kinder- u. Jugendhilfestatistik 2006). Man erkennt, dass der Anteil der JugendarbeiterInnen daran mit gerade einmal nicht ganz 8 Prozent sehr gering ist.

Wie viele von den rund 45.500 Beschäftigten arbeiten aber in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit? Für Jugendzentren, Jugendfreizeitheime, Häuser der offenen Tür, Einrichtungen der Stadtranderholung, pädagogisch betreute Spielplätze sowie Einrichtungen bzw. Initiativen der mobilen Jugendarbeit werden über die amtlichen Daten 28.599 Beschäftigte ausgewiesen (vgl. Statistisches Bundesamt 2004). Von diesen wiederum geben 18.581 an, dass sie im weitesten Sinne pädagogisch-fachlich in der freizeitbezogenen Offenen Jugendarbeit und Jugendpflege tätig sind. Jenseits der genannten Einrichtungen kommen für diesen Arbeitsbereich noch einmal 2.294 hinzu. Alles in allem reden wir also von 20.875 Beschäftigten für dieses Segment. Dies entspricht umgerechnet einem Volumen von 15.177 Vollzeitstellen. Nach diesen Berechnungen sind also etwas weniger als die Hälfte aller Beschäftigten im gesamten Feld der Jugendarbeit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zuzuordnen.

Im Schuljahr 2005/2006 gibt es in Deutschland insgesamt 36.888 Schulen (alle Formen) (vgl. Statistisches Bundesamt 2006) mit 9.505.200 SchülerInnen. Rechnet man – zugegeben sehr vergröbernd – die Zahl der Stellen von JugendarbeiterInnen der Offenen Arbeit aus, die jede Schule bekäme, so wären dies 0,41 Stellen pro Schule, und jede Stelle hätte – in dieser schlichten Logik weitergerechnet – dann 626 SchülerInnen zu bearbeiten.

Zunächst ist festzuhalten, dass die unpräzise Behauptung Pfeiffers von „so vielen“ Beschäftigten sich weder im Vergleich mit der Schule noch mit der gesamten Jugendhilfe aufrechterhalten lässt. Schule wäre allein quantitativ kaum zu „retten“ durch die Verlegung der Jugendarbeitsstellen dorthin, die Kinder- und Jugendarbeit allerdings wäre zerstört.

Bleiben wir noch bei den Zahlen, denn Pfeiffer behauptet ja weiter unten, dass die „vielen Sozialarbeiter“ in der Jugendarbeit gar nicht für „alle“ erreichbar seien, weil die „Freizeitheime“ durch „bestimmte Subgruppen ... gepachtet“ würden, also die Fachkräfte nur wenigen Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stünden.


Was wissen wir über Zahlen der Nutzung der Kinder- und Jugendarbeit?

Der 12. Bundesjugendbericht (2005, S. 379) bezieht sich auf Ergebnisse des DJI-Jugendsurvey aus dem Jahr 2003: „Demnach haben 45 Prozent der 12- bis 15-Jährigen schon einmal ein Jugendzentrum besucht; unter den 16- bis 21-Jährigen waren dies 58 Prozent“. Das sagt allerdings nichts über die Dauer und die Intensität des Besuchs aus, immer noch könnten ja „Subgruppen“ die Besucher nach einmaligem Besuch vertrieben haben. „In der Shell-Studie 1997 geben 46 Prozent der 12- bis 25-Jährigen an, in der Freizeit überhaupt einmal ein Jugendzentrum besucht zu haben; als häufige Besucher bezeichnen sich immerhin 16 Prozent der Befragten.“ (ebd.) Man könnte, um überhaupt eine Abschätzung von Zahlen zu bekommen, diese 16 Prozent auch heute noch als Wert häufiger Nutzung betrachten und auf die aktuelle Anzahl aller Kinder und Jugendlichen im genannten Alter beziehen.

Zum 31.12.2005 lebten in der Bundesrepublik 12.231.494 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 25 Jahren (Statistisches Bundesamt Deutschland 2006). Wenn von diesen 16 Prozent regelmäßig die Offene Kinder- und Jugendarbeit nutzen, wären das also ca. 1.957.000 NutzerInnen insgesamt, und pro JugendarbeiterInnen-Stelle wären das nicht ganz 130 NutzerInnen. Vergleicht man damit dreisterweise die NutzerInnen pro LehrerInn, kommt man zu folgendem Ergebnis: im Schuljahr 2005/06 gab es 667.700 LehrerInnen für 9.505.200 SchülerInnen, das wären 14,2 SchülerInnen je LehrerIn.
Zählt man die TeilnehmerInnen an Maßnahmen (also an speziell finanzierten Programmen) der Kinder- und Jugendarbeit (vgl. Arbeitsstelle Kinder- u. Jugendhilfestatistik 2006), kommt man für alle Formen der Kinder- und Jugendarbeit im Jahre 2004 auf 3.667.431 TeilnehmerInnen.

Zugegeben: Diese Berechnungen sind hinterfragbar; z.B.: Darf man die 16 Prozent häufiger NutzerInnen der Jugendarbeit nach Shell-Jugendstudie von 1997 auf 2006 übertragen? Darf man Gesamtzahlen der SchülerInnen, Schulen und LehrerInnen verwenden, ohne zu differenzieren?

Allerdings zeigen die Zahlen mindestens, dass Pfeiffers Behauptungen falsch sind:

1. arbeitet die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Vergleich zur Schule mit sehr wenig Personal, man kann also nicht von „so vielen“ Sozialarbeitern sprechen („so wenige“ wäre angemessener);
2. erreichen diese wenigen Fachkräfte eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen: man kann also nicht behaupten, sie seien nur für wenige „Subgruppen“ da.

Der Entwurf von Pfeiffers „Vision“ geht weiter: „Beide Einrichtungen bräuchten wir gar nicht, wenn wir funktionierende, tolle Ganztagsschulen hätten.“ Was meint Pfeiffer mit „funktionierende(n), tolle(n)“ Ganztagschulen, und wie könnten diese „Qualitäten“ die Offene Kinder- und Jugendarbeit überflüssig machen?

Zunächst ganz einfach: Eine Schule, die den ganzen Tag dauert, lässt den Kindern und Jugendlichen kaum noch Zeit, andere Einrichtungen zu besuchen. Aus Pfeiffers Begeisterung für die Ganztagsschule kann man auch schließen, dass für ihn pädagogische Einrichtungen die Aufgabe hätten, Kinder und Jugendliche aufzubewahren, ihre Zeit zu füllen und ihren Aufenthaltsort zu definieren. Andere Angebote würden dann nicht gebraucht.

Im Blick auf Pfeiffers erste Sätze kann weiter gefolgert werden, dass er das Funktionieren von Ganztagsschulen darin sieht, a) keine „Gescheiterten“ zu erzeugen und b) wenn sie doch entstehen, ihnen „effektiv zu helfen“. Pfeiffer scheint die Aufgabe der Jugendarbeit genau darin zu sehen: in der Vermeidung von Schulscheitern und der Hilfe für doch Gescheiterte. Denn nur, wenn Jugendarbeit diese Aufgabe hätte, könnte sie eventuell direkt an den dann „tollen“, funktionierenden Ganztagsschulen „effektiver“ arbeiten, und sie wäre – nach Pfeiffers Logik – in der derzeitigen Form überflüssig. Pfeiffer entwirft hier ein – leider nicht neues – Bild von Jugendarbeit als kompensatorischer Einrichtung, die die negativen Folgen anderer erzieherischer Institutionen abfedern bzw. aufheben soll. Diese Aufgabe könnte sie demnach auch sofort am Herd der Problemerzeugung, also in der Schule selber erledigen. Insofern folgert er:

„Und bitte: Alle Sozialarbeiter in diese Ganztagsschulen rein! Dann hätten wir sie für alle erreichbar und nicht nur für bestimmte Subgruppen, die sich ein bestimmtes Freizeitheim gepachtet haben und keine anderen mehr reinlassen.“

Das „wir“ in diesem Satz scheint die Politiker und Macher wie Pfeiffer zu bezeichnen, denen die „Sozialarbeiter“ zur Verfügung stehen sollen, um sie funktionalisieren zu können. Sie werden als Verschiebemasse behandelt und der Gedanke ihrer professionellen Autonomie kommt erst gar nicht auf. Im Weiteren kombiniert Pfeiffer den kompensatorischen Anspruch mit der Forderung, Jugendarbeit solle für „alle erreichbar“ sein. Das wäre erfüllt, wenn sie in Schule integriert würde, weil sich dort alle Kinder und Jugendlichen pflichtgemäß aufhalten (müssen). Es erscheint ein Konzept von Ganztagsschulen und ihrer Pädagogik, in dem in einer zeitlich und örtlich gebundenen Rundumbetreuung durch „beruflich vorbereitete“ SpezialistInnen („Psychologen, Sozialarbeiter“) Scheitern verhindert oder zumindest abgefangen würde. Nun will man sich gewiss der Idee nicht widersetzten, dass Schulscheitern verhindert werden sollte; Pfeiffers Konzept dafür ist jedoch denkbar schlicht. Nach seiner Logik verhindert Schule Scheitern, wenn sie a) den ganzen Tag dauert und b) dort Spezialisten zur Scheiterungsverhinderung und -bearbeitung für alle erreichbar sind bzw. alle erreichen können. Pfeiffers Konzept ist somit kein pädagogisches, sonder eher ein politisches, denn eine fachlich qualifizierte Analyse der Probleme, Strukturen und Strategien von Schule wird nicht zu Grunde gelegt, sondern es wird ein politisches Konzept vertreten. Er zeigt den verschreckten Erwachsenen, wie man die beängstigende Jugend in den Griff bekommt, statt sich ihrer Probleme anzunehmen. Mehr als ein In-den-Griff-Bekommen, als eine Ausweitung von Pflichtbetreuung lässt sich nicht erkennen. Das Problem scheint bei den Jugendlichen zu liegen, man muss sie mehr und länger (ganztags!) betreuen. Pfeiffer entwirft in seiner „Vision“ des Umgangs mit der Jugend pädagogische Anstalten, die an freundliche Freigangsknäste erinnern. Er profiliert sich hier außerdem als Jugend- und Schulpolitiker, der anscheinend Rettungsversprechen ohne finanzielle Kosten entwerfen kann. Eine differenzierte Verbesserung von Schule hingegen, die ja auch mit einer Qualifizierung der LehrerInnen einhergehen müsste, wäre nämlich teuer.

Kommen wir zurück zur Kinder- und Jugendarbeit. Diese hat eine ganz andere Aufgabe als die, die Pfeiffer ihr zuweist. Ihre Ziele sind die Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen als Subjekte (als eigenverantwortliche, selbstbestimmte Persönlichkeiten) und als (gemeinschaftsfähige und gesellschaftlich mitverantwortliche) BürgerInnen einer demokratischen Gesellschaft. In diesen Zielen sind sich die gesetzlichen Vorgaben des SGB VIII (§1 und §11) und die Traditionslinien sozialpädagogischer Theorie der Jugendarbeit einig. Jugendarbeit hat eine Vision: sie ist Bildung „in Freiheit zur Freiheit“, so bereits Kentler im Klassiker der Jugendarbeitstheorie „Was ist Jugendarbeit?“ von 1964.

Diese Aufgabe von Jugendarbeit kennt der Kriminologe und Politiker Pfeiffer nicht und sie interessiert ihn auch gar nicht. Er möchte Kinder- und Jugendarbeit funktionalisieren für seinen Entwurf einer schulischen Ganztagsbetreuung, deren inhaltliche Ziele unbestimmt bleiben und die sich einzig negativ auf Verhindern und Bewältigen von Scheitern richtet, ohne positive Ziele anzugeben. Dieses Denken entspricht (s)einer präventiven Grundlogik, in der Entwicklung als Ausweitung von Risikopotenzialen definiert wird, der vorgebeugt werden soll. Die sozialpädagogische Kinder- und Jugendarbeit hingegen versteht Entwicklung als Ausweitung positiver Potentiale von Subjekthaftigkeit, Sozialität und demokratischer Kompetenz. Gerade das Üben von Demokratie ist in der Kinder- und Jugendarbeit möglich, als einem der sehr wenigen Orte, an dem Kinder und Jugendliche dies überhaupt tun können, denn Schule, Konsumbereich, Wirtschaft und Kommune sind Felder, in denen demokratische Erfahrungen (bisher) nur unter Vorbehalt und eingeschränkt gemacht werden können. Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung (Fatke/Schneider 2005) zeigt, dass Heranwachsende die Jugendarbeit (und die Familie) als Bereiche schätzen, in denen sie ernsthaft partizipieren können (im Gegenteil zu Kommune und Schule). Angesichts der Krise der Demokratie bei einem großen Teil der Bevölkerung wird dieses Potenzial der Jugendarbeit immer wichtiger.

Bereits an anderer Stelle (taz vom 20.1.2006) hatte Pfeiffer der Kinder- und Jugendarbeit mangelnde Wirkung vorgeworfen. Dem haben damals über 1.000 Fachkräfte und WissenschaftlerInnen in einem Offenen Brief (der übrigens bis heute unbeantwortet blieb) widersprochen (vgl.: www.aba-fachverband.org/index.php?id=450). Auch hier zeigte sich Pfeiffers Unkenntnis: Es liegt eine ganze Reihe aktueller Wirkungsstudien zur Kinder- und Jugendarbeit vor (u.a. Delmas/Scherr 2005; Müller u.a. 2005, Fauser u.a. 2006, Lindner 2007; siehe auch die ausführliche Literaturliste solcher Wirksamkeitsbelege auf der Website des Autors), die eindrucksvoll zeigen, dass Kinder- und Jugendarbeit nachweislich in der Lage ist, ihre Ziele zu erreichen; wohlgemerkt ihre Ziele, nicht die Ziele Pfeiffers.

Nimmt man die Ergebnisse dieser Forschungen mit den oben referierten Zahlen zusammen, ist nicht zu übersehen: Kinder- und Jugendarbeit ist eine ausgesprochen erfolgreiche Institution: sie erreicht mit sehr wenigen Fachkräften eine sehr große Zahl von freiwillig und motiviert teilnehmenden Kindern und Jugendlichen und fördert die Entwicklung von eigenverantwortlicher Persönlichkeit und Demokratiekompetenz.

Damit ist Jugendarbeit um vieles erfolgreicher als Schule, die mit viel Personal ihre Aufgaben nur schlecht erfüllt (s. PISA). Es wäre doch widersinnig, eine so effektive Institution wie die Kinder- und Jugendarbeit aufzulösen und sie der Schule zu unterstellen. Die gegenteilige Forderung drängt sich auf: Eigenständige Kinder- und Jugendarbeit muss ausgebaut werden!


Literatur

ABA Fachverband: Die „Affäre Pfeiffer“: Ein Disput im Jahr 2006: www.aba-fachverband.org/index.php?id=450, 3.12.2006

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Grundzahlen; http://www.akjstat.uni-dortmund.de/projekte/output.php?projekt=21&Jump1=LINKS&Jump2=2 am 2.12.2006

Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland – Zwölfter Kinder- und Jugendbericht – Bildung, Betreuung und Erziehung vor und neben der Schule. Berlin 2005

Delmas, N./Scherr, A. (2005): Bildungspotenziale der Jugendarbeit. Ergebnisse einer explorativen empirischen Studie. In: Deutsche Jugend, 53. Jg., Heft 3, S. 105-109

Fatke, R./Schneider, H.: Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland. Daten, Fakten, Perspektiven, Gütersloh 2005

Fauser, K./Fischer, A./Münchmeier, R.: Jugendliche als Akteure im Verband – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend (Teil 1). Opladen 2006

Jugendwerk der deutschen Shell (Hrsg.): Jugend ’97. Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierungen. Opladen 1997

Lindner, W. (Hrsg.): Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Ein Überblick zu aktuellen und relevanten Evaluationsergebnissen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen der Kinder- und Jugendarbeit. (Arbeitstitel) Vs Verlag Wiesbaden 2007 (i.E.)

Müller, C.W./Kentler, H./Mollenhauer, K./Giesecke, H.: Was ist Jugendarbeit? Vier Versuche zu einer Theorie. München 1964

Müller, B./ Schmidt, S./ Schulz, M.: Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle Bildung. Freiburg i. Br. 2005

Pothmann, J./Thole, W.: Trendbrüche – Kahlschlag oder geordneter Rückzug? Entwicklungen in der Kinder- und Jugendarbeit, in: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik.
http://129.217.205.15/projekte/output.php?projekt=30&Jump1=RECHTS&Jump2=2 am 2.12.2006

Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Einrichtungen und tätige Personen – sonstige Einrichtungen – (ohne Tageseinrichtungen für Kinder). Revidierte Ergebnisse, Bonn 2004

Statistisches Bundesamt Deutschland: Bildung, Wissenschaft und Kultur: Allgemeinbildende Schulen; http://www.destatis.de/basis/d/biwiku/schultab1.php am 1.12.2006

Statistisches Bundesamt Deutschland: Genesis-Online – Das statistische Informationssystem; https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon am 2.12.2006

Thole, W./Pothmann, J.: Die MitarbeiterInnen. In: Deinet,U./Sturzenhecker, B.: Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 3. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden 2005, S. 19-37


Ich danke Jens Pothmann für die Unterstützung meiner Berechnungen



Quelle: www.ABA-Fachverband.org



 
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